Wikileaks: Wer gewinnt den ersten Informations-Weltkrieg?

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Wikileaks: Wer gewinnt den ersten Informations-Weltkrieg?

 

Bei der Auseinandersetzung zwischen der US-Administration und WikiLeaks geht es längst nicht mehr um den Inhalt der Depeschen der US-Botschaft, sondern um viel grundsätzlichere Dinge wie Kontrolle über Information, Pressefreiheit und die zukünftige Rolle des Internet.

(6.12.2010, 23:45) “Ich denke, dass je freier Information fließt, desto starker wird die Gesellschaft, den dann können die Bürger von Ländern auf der ganzen Welt ihre eignen Regierungen zur Verantwortung ziehen. Sie können selbst zu denken beginnen.” Das sagte nicht Julian Assange - sondern US Präsident Barack Obama in Shangahi zu 400 chinesischen Studenten bei seinem China-Besuch im November 2009.

 

Auch heute Montag wogte der Kampf zwischen WikiLeaks einerseits und der US- und anderen Regierungen andererseits hin und her. Beide konnten an verschiedenen Fronten Erfolge erzielen. Die Zahl der Mirror-Sites ist inzwischen auf über 500 angestiegen. Daneben gibt es offenbar noch weitere geheime Server, die bei Ausschaltung der bekannten in Sekundenschnelle mit der gesamten Information ans Netz gehen könnten und für die weitere Verteilung sorgen.

 

Auf anderen Fronten haben WikiLeaks und insbesondere ihr Frontmann Julian Assange Niederlagen bezogen. so meldete die Neue Zürcher Zeitung (NZZ):  „Mit der bevorstehenden Auflösung des Kontos bei Postfinance werden Assange und Wikileaks an einer weiteren Stelle empfindlich getroffen. Namentlich die USA unternehmen ziemlich unverhüllt weitreichende Anstrengungen, um Wikileaks zum Verstummen zu bringen. Administrative, technische und juristische Hebel werden gegen Wikileaks angesetzt. Mit der Sperrung oder Auflösung von Konten werden Finanztransaktionen mit Wikileaks unterbunden.

In Schweden und international per Interpol wurde Assange wegen des Verdachts der Vergewaltigung zur Verhaftung ausgeschrieben – die Vermutung, dass dieser Schritt auch mit dem Kesseltreiben gegen Wikileaks zusammenhängt, ist zumindest nicht allzu weit hergeholt.“

 

Britische Medien meldeten, dass in Großbritannien alle Dokumente eingegangen sind, die für eine Festnahme Assanges nötig seien. Scotland Yard habe alle Papiere zusammen und werde Assange womöglich in den kommenden 24 Stunden festnehmen, falls sein genauer Aufenthaltsort bekannt sein sollte, zitierte der britische Sender BBC nicht näher genannte Quellen. In diesem Fall würde Assange einem britischen Gericht vorgeführt, das über seine Auslieferung nach Schweden entscheiden könnte.

 

Über die Vergewaltigungsvorwürfe berichtet der sonst eher zurückhaltende Schweizer Tagesanzeiger etwa  unter dem Titel „Geht es bei der angeblichen Vergewaltigung nur um ein geplatztes Kondom?“  eher skeptisch über die Vorfälle, die zu Haftbefehl und Interpol Suche führten.

 

Zuvor hatte schon Amazon Web Services den Vertrag mit WikiLeaks über das Hosting der Dokumente gekündigt, Bezahlservice PayPal, eine Tochter von eBay, hatte die Spendensammlung über seinen Dienst gestoppt und der Nameserver EveryDNS.net hatte die Adresse wikileaks.org nicht mehr unterstützt.

 

Der Schweizer Registrar Switch hält aber nach wie vor wikileaks.ch in Betrieb und sieht keinen Grund die Adresse vom Netz zu nehmen. Ebenso steht Twitter weiterhin für die Tweets von @WikilLeaks.at zur Verfügung und auch Facebook hat offiziell erklärt, dass WikiLeaks Facebook Seiten weiterhin verfügbar bleiben werden. Damit stellen sich die beiden größten Social Networks hinter WikiLeaks.

 

Wer gewinnt?

Die Frage, ob die US-Regierung und Geheimdienste sowie ihre Unterstützer die Dokumente aus dem Netz bekommen können stellt sich nicht mehr, denn jeder Versuch dazu führt letztlich zu einer tausendfachen Vermehrung ihrer Existenz auf Servern. Und außerdem sind sie noch bei fünf höchst angsehen Medien auf den Servern, wo sie wohl kaum in Reichweite der US-Regierung sind.

 

Es gab schon verschiedene lokale Kriege wie im Iran um die Nutzung von Twitter zur Organisation von Protesten. Und es gab, wie Erich Möchel in fm4.orf.at schreibt, auch schon eine Schlacht zwischen US-Geheimdiensten und der Internet Community. Dabei ging es um die Verbreitung des Verschlüsselungsprogramms Pretty Good Privacy, die mit einem klaren Sieg der Internet Community endete.

 

Es geht wohl mehr um ein Exempel um mit dem Spuk WikiLeaks ein für allemal Schluss zu machen. Aber auch das wird vermutlich scheitern. Das Internet ist weitgehend auf Open Source Software aufgebaut, das von einer Community von zig Millionen Programmiereren und Internet-Techies weiter entwickelt und gewartet wird. Würde man alle Open Source entfernen, würde das Internet auf die Ebene von etwa 1995 zurückfallen. Kenner der Szene schätzen, dass mindestens 5 bis 10 Prozent der Open Source und Internet Community aktive Unterstützer von WikiLeaks sind und nur ein ganz geringer Prozentsatz ausgesprochene Gegner.

 

Damit haben Regierungen genauso große Chancen gegen WikiLeaks wie die Musiklabels gegen Napster und gegen die Verbreitung von Musik im Internet. Napster wurde zwar besiegt, aber den Krieg hat die klassische Musikindustrie verloren. WikiLeaks mag zwar verschwinden, aber die Regierungen werden den ersten Informations-Weltkrieg genauso sicher verlieren, wie den zweiten, der noch kommen mag.

 

Kampf gegen WikiLeaks fördert neue Anti-Globalisierung

Evgeny Morozov, weißrussischer Wissenschaftler, Blogger und Spezialist für politische Implikationen des Internet warnt in einem Artikel in der Financial Times, dass der US-Feldzug gegen WikiLeaks und Julian Assange unbeabsichtigte Konsequenzen haben könnte:  „WikiLeaks könnte aus einer Handvoll Freiwilliger zu einer globalen Bewegung von politisierten Techno-Freaks werden, die auf Rache sinnen. Heute spricht WikiLeaks die Sprache der Transparenz, aber es könnte sich sehr rasch zu zu einem neuen Synonym für Anti-Amerikanismus, Anti-Imperialismus und Anti-Globalisierung entwickeln.  .... Ein aggressiver Versuch gegen WikiLeaks vorzugehen, durch Blockierung ihrer Websites oder durch Verfolgung ihrer Mitglieder, könnte Assange, oder wer immer ihm nachfolgt, an’s Ruder einer mächtigen globalen Bewegung bringen, die in der Lage ist, die Arbeit von Regierungen und Unternehmen rund um die Welt zu blockieren.“ Was bereits zu passieren beginnt.

 

Man muss sich nur vergegenwärtigen, wo die Fronten derzeit verlaufen: Auf der einen Seite die US-Regierung und Großunternehmen wie Amazon oder eBay und auf der anderen Seite wahrscheinlich Millionen von Programmierern, Internet Technikern und ein teil der Open Source Community – also hoch qualifizierte Experten, die die Lebenslinien von Verwaltung und Wirtschaft am Laufen halten und weiter entwickeln. Und ein Informationskrieg wird wahrscheinlich nicht mehr durch pure Macht, sondern eben durch Know how und Wissen um das Fließen der Information entschieden.

 

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